Berufen im Birnbaum

Wie Ruedi Staub dazu kam, Theologie auf St. Chrischona zu studieren

„Im Spätsommer 1954 waren wir mit dem Pflücken der Hanslibirnen beschäftigt. Dieser Birnbaum war der Erhabenste und Mächtigste, den wir hatten. Er stand auf dem Hausplatz. Zusammen mit dem Vater holten wir im Schuppen die längste Leiter. Sie hatte 34 Sprossen. Dank dieser Megaleiter war es mir möglich, die schönsten Birnen in der Krone des Baumes zu pflücken. Auf dem letzten Spross stehend, mich an der Krone festhaltend, wollte ich gerade die letzte Birne einsammeln, als das Unglück geschah: Etwa zwei Meter unter mir brach die Leiter entzwei. Der Ast, an dem ich mich festhielt, brach weg. Ein anderer, auf den ich fiel, ebenfalls. Rücklings stürzte ich durch den Baum hinunter. Dann geschah etwas total Unfassbares: Unversehens stehe ich auf dem untersten Ast des Birnbaumes. Der Pflückkorb, fast voll Birnen, hängt an meiner Seite.

„Ich will, dass Du mir vollzeitlich dienst!“

Ich hatte weder Angst noch Panik verspürt. Ganz im Gegenteil: Es war, als hätten mich Engel auf den Händen durch den Baum hinuntergetragen und auf dem untersten Ast einfach abgestellt. Wollte man dieses wunderbare Geschehen erklären, sollte zumindest der Pflückkorb weg sein und ich müsste Schmerzen verspüren und Beulen aufweisen – aber weder noch!
Mir widerfuhr etwas ganz anderes: Gott sprach zu mir. Noch auf dem Ast stehend, hörte ich seine Stimme: „Weisst Du, was das bedeutet? Ich habe Dich bewahrt. Ich will, dass Du mir vollzeitlich dienst!“ Ich erlebte einen überglücklichen Zustand, war von einer tiefen Ruhe und einem unerklärlichen Frieden erfüllt. Mein Vater hatte ebenfalls Birnen gepflückt und alles beobachtet. Er war, völlig sprachlos, aber überaus dankbar, dass ich vollkommen heil war.

Dank statt Lähmung

Unsere Familie hatte die Gewohnheit, nach dem Abendessen eine Andacht mit Gebetsgemeinschaft zu pflegen. Es war nur naheliegend, dass an diesem Abend das Geschehen beim Birnenpflücken thematisiert und besprochen wurde. Ich bezeugte, wie ich das Ganze erlebt, und wie Gott zu mir geredet hatte. Wir waren alle tief ergriffen, am meisten mein Vater, der in Tränen ausbrach. Am grössten aber war die Dankbarkeit über diese wunderbare Bewahrung. Eigentlich hätte ich genau mit dem Rücken auf den untersten Ast aufprallen müssen. Ich hätte mir das Rückgrat brechen und eine Querschnittlähmung davontragen können!

Wenn der Plan sich ändert

Für unsere Familiensituation wurde das Ganze zu einer grossen Herausforderung. Es war vorgesehen, dass ich einmal den väterlichen Betrieb übernehmen sollte. Die landwirtschaftlichen Fortbildungskurse lagen schon hinter mir. Mein Bruder, welcher das letzte Schuljahr absolvierte, wollte auf keinen Fall Bauer werden. Meine Eltern waren einerseits glücklich und dankbar, dass Gott mich für die Arbeit im Reiche Gottes berufen hatte. Doch andererseits waren die Konsequenzen für sie schwer zu akzeptieren.

Ein neuer tsc-Student

Für mich war der Sachverhalt jedoch eindeutig und unmissverständlich. Gott hatte mir meine Lebensaufgabe mehr als augenfällig gemacht! Ich nahm mit unserem Seelsorger Kontakt auf. Er war hoch erfreut über die wunderbare Führung Gottes in meinem Leben. Seines Erachtens kam für mich vor allem das Opens external link in new windowTheologische Seminar St. Chrischona (tsc) in Frage. Dort erklärte man sich bereit, meine Aufnahme zu prüfen, obschon die Anmeldefrist längst vorbei war. Umgehend erhielt ich die Unterlagen. Diese sandte ich sofort ausgefüllt, versehen mit allen verlangten Zeugnissen, zurück. Innerhalb kürzester Frist erhielt ich vom tsc positiven Bericht: Ich war angenommen! Zunehmend wichtig wurden mir die Worte Jesu: „Bemüht euch vor allem um das Reich Gottes und lebt nach Gottes Willen! Dann wird er euch mit allem anderen versorgen.“ (Opens external link in new windowMatthäus 6,33)

1958, vier Jahre später, schloss Ruedi Staub seine Ausbildung am Theologischen Seminar St. Chrischona erfolgreich ab. Über 40 Jahre lang leistete er Dienst als Pfarrer und Prediger. 2014 feierte er seinen 80. Geburtstag.

www.chrischona-geschichten.org

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Hof von Ruedi Staub mit Birnbaum in Burgistein BE im Frühling
Ruedi Staubs Birnbaum in Burgistein BE steht heute nicht mehr. Die historische Aufnahme zeigt den Ort des Geschehens im Frühling.
Ruedi Staub, tsc-Absolvent 1958 im Jahr 2014
Nach der Berufung im Birnbaum studierte Ruedi Staub am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc).
Ruedi Staub studiert die Bibel am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc) im Jahr 1954
Das Erlebnis im Birnbaum führte Ruedi Staub vom Bauernhof zum Bibelstudium auf St. Chrischona.